Theoriekultur - Wiki
Unsichtbare Intelligenz
 
Hier hat alles seinen Ausgang genommen:

Symposium "Unsichtbare Intelligenz - Kritische Theorie der Gegenwart in Österreich"

Was soll diese Konferenz?

Sie soll bündeln, sichtbar machen, was es an ernstzunehmenden Diskursen in Österreich unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle gibt, sie soll aber auch Komplementaritäten zwischen Strömungen und einzelkämpferischen Individuen aufzeigen, die für die Beteiligten und vielleicht auch die Außenstehenden nützlich und vielleicht sogar wichtig und notwendig sind.

Ausgangspunkt ist die Selektivität öffentlicher Wahrnehmung, die einen zu dem Schluss verleiten könnte, dass Gesellschaften wie wir sie kennen prinzipiell dumm sind, aber Österreich ein besonders krasses Beispiel, angesichts dessen, was es sich als kritische Intelligenz und an Diskursen öffentlich (nicht) leistet. Ausgangspunkt ist also ein gemeinsames Ärgernis, das ich Anfang des Jahres in Gesprächen mit Peter Weibel festgestellt habe. Das Bündeln und selektive Wahrnehmen der vielen Facetten eines wachen, kritischen Geistes ist etwas, was einfach viel zu selten passiert. Wenn es geschieht, dann gleich wieder als Ikonisierung, und die wollten wir vermeiden. Wir wollen interessante Inhalte auf den Prüfstand stellen, sie auch in einer freundlich-respektvollen Art aneinander abarbeiten lassen.

Oder wie Peter Weibel aus aktuellem Anlass schreibt:

"Kritische Intelligenz kann nur auf Kompetenz ihre Kritik aufbauen. Wer Kritik verbietet, verbietet Kompetenz. Wer Kritik ablehnt, negiert und nicht zur Kenntnis nimmt, beteiligt sich am Abbau von Kompetenz. Österreich leidet offensichtlich (siehe das Wahlergebnis vom 28.09.08) an einer Krise der Kompetenz, deren Folge nämlich der Aufstieg eines nationalistischen und rassistischen Rechtsradikalismus ist, den sich die Großparteien selbst zuschreiben müssen, weil sie die kritische Intelligenz in Österreich nicht nur nicht genützt, sondern bis zur Unsichtbarkeit unterdrückt haben. Den österreichischen Tageszeitungen kann, mit Graduierungen und Ausnahmen, ein vergleichbarer Vorwurf gemacht werden. Auch sie haben mehr an Popularität und Quote als an kritische Intelligenz gedacht, vom Fernsehen, dieser Diktatur der Unterhaltung, ganz zu schweigen. Das Symposium versucht daher, eine Auswahl von Stimmen der kritischen Intelligenz in Österreich sichtbar und hörbar zu machen."

Es schadet also, wie wir meinen, nicht, ab und zu so ein Forum zu machen und das Format sogar zu wiederholen. Allerdings: anders denn als Person und persönliches Programm existiert "Die Unsichtbare Intelligenz" nicht, und wir haben uns deshalb - bei genauerem Design des Konferenzformates - zu einer Gratwanderung entschlossen - zwischen dem Darstellen der inhaltlich relevanten Aussagen einerseits und andererseits auch der Person, die sich versucht als KritikerIn, TheoretikerIn, UtopistIn, VisionärIn zu behaupten (inklusive aller Fährnisse, die mensch dabei erleidet). Peter hat mir weitgehende Freiheit in der Auswahl der Beitragenden überlassen, was einerseits sehr angenehm war, aber auch eine gewisse Schwierigkeit mit sich brachte. Der Versuch ist sicher subjektiv gefärbt, obwohl ich dutzende Leute nach ihren "best of" Listen gefragt habe. Auch die Kriterien "wer ist drinnen, wer nicht"? waren oft sehr, sehr fließend - wie man sieht. Nicht alle sind in gleich prekärer Situation, die Relativität der Maßstäbe kommt hier zum Tragen. Nicht immer gelang es, Theoretikerinnen zu finden, trotz des Versuches, Balance zu finden. Wahrscheinlich wird das nächste Mal alles einfacher sein.

Inhaltlich wichtig war mir die "vorläufige" Abgrenzung zur Kunst oder besser der Kunst, wie sie landläufig verstanden und praktiziert wird. Ich habe Menschen ausgewählt, die nicht bloß denkmalhafte Dokumente ihrer persönlichen Wahrnehmung und Sichtweise in die Welt setzen und sich damit selbstzufrieden abquälen, sondern die sich um eine gewisse Allgemeingültigkeit ihrer Aussagen bemühen und damit letztlich auch um deren praktische Umsetzung oder Beachtung.

Deswegen ist auch prinzipiell eher der Wissenschaftsbetrieb als ein heimlicher Reibepunkt unterstellt, auch wenn das nur in einem Block wirklich explizit gemacht wird. Natürlich geht es dabei um die Kraft und Freiheit des Denkens, das von "außen" kommt und nicht aus einer Konvention oder Methodenlehre. Der TIWAG-Kritiker Markus Wilhelm aus Tirol wollte gar nicht an diesem Forum teilnehmen, weil er dann sozusagen schon "innen" oder "integriert" wäre. Es geht aber auch darum, dass der akademische Selektions- und Aufstiegsmechanismus prinzipiell wenig mit der Qualität von Gedanken zu tun hat beziehungsweise sogar qualitätvolle Gedanken "filtert", wie uns hoffentlich Christian Christiansen zeigen wird. Wissenschaftspluralismus als Norm und methodischer Ausgangspunkt zeigt ja, wie wenig ernst Gedanken genommen werden. Qualitätskriterien sind dann "impact points" und "peer reviews", also ein dem Argument völlig äußerliches Kriterium. Die "Kunst-Umgebung", in die wir uns da flüchten ( -> neue Galerie), ist genau deshalb auch gut gewählt und passend, quasi wie ein "Exil". Die Stärken der Kunst, das Wahrnehmen des Subjektiven, Einmaligen, Originären, sind sozusagen ein taktischer Rückzugsraum, den wir gerne betreten, auch wenn wir mit anderen Voraussetzungen als denen des "Künstlers" antreten.

Letztlich ist die Trennung von Wissenschaft und Kunst aber selbst noch ein Verfallszeichen des Geistes, der sich nicht mehr zutraut überhaupt etwas zu schaffen (und das wäre "Kunst" im emphatischen Sinne), weil er ganz darin aufgegangen ist, die Realität wohlmeinend zu interpretieren. Die Frage "Seid Ihr nun Wissenschafter oder Künstler" wollte ich gerne zurückgewiesen haben, und das war auch ein Kriterium meiner Auswahl. Alle, die hier stehen, betätigen sich auch praktisch in der Umsetzung von Ideen, oder halten ihren Ideen zumindest eine praktische Konsequenz zugute. Die pure "theoretische" Interpretation der Welt ist Luxus, wenngleich die heutige Geistes- und Gesellschaftswissenschaft auf diesem gesellschaftsnützlichen Luxus aufgebaut ist, dazu später noch mehr. Studenten an den Universitäten - die ja noch immer trotz aller Verschulung sich mit Theorie auseinandersetzen - müssten eigentlich das gebotene gedankliche Angebot zurückweisen, wenn, ja wenn nicht die erfolgreiche Absolvierung eines Studiums Bedingung für einen angenehmeren Platz in der Hierarchie der Berufe wäre. Nur wenige nehmen sich die Freiheit, sich von diesen Kriterien unabhängig zu machen, und um die geht es uns. Und zwar im Sinn des altmodischen Kriteriums, dass denen Beachtung und Erfolg zuteil werden möge, die sich nicht stromlinienförmig dafür hergerichtet, sondern vielmehr ihre Sache darüber gestellt haben.

In diesem Sinn ein kleiner Durchgang durch die Referate und meine Hoffnungen, Erwartungen und Fragestellungen an sie.

Peter Weibel wird als Referent einen Rückblick auf die nationale Verdrängungsgeschichte halten. Der erste Block heisst deswegen auch "Geschichte". "Österreich profitierte zum Anfang des 20. Jahrhunderts von seiner multiethnischen Vielfalt. Diese ethnische und religiöse Multitude war die Voraussetzung, dass Wissenschaft und Kunst, Forschung und Technologie prosperieren konnten. Die rassistische Vertreibung österreichischer Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens und die theoretische Fehlkonstruktion der Nationalität bzw. der Kult der Nationalität haben eine Lücke in Österreich hinterlassen, die bis heute nicht ersetzt bzw. gefüllt werden konnte." Diese Vertreibung und diese Inselmentalität wirken nach, wollen sich nicht wirklich korrigieren oder infragestellen lassen. Stephan Templ zeigt anhand der Restitutionsfrage, wo das wahre Ausmaß des geraubten und arisierten Vermögens gar nicht ins öffentliche Bewußtsein eindringen darf, wie stark die Kunst der Verdrängung das öffentliche Bewußtsein beherrscht.

Block 2 bis 7 beziehen sich auf die Gegenwart und zeigen, dass auch in anderen Bereichen, wenn schon nicht aus rassistischen, dann aus anderen strukturellen Gründen, die im Lauf der Veranstaltung mit zu klären wären - Verdrängung und selektive Wahrnehmung das Geistesleben der Republik bestimmen - und wie diese selektive Wahrnehmung funktioniert.

Barbara Pitschmann ("Geht‘s der Subversion gut, geht‘s uns allen gut") als Projektleiterin der "Subversivmesse" steht deswegen am Anfang, weil sie eine radikale These hat: Die marktförmige Strukturierung unserer Kommunikation ist omnipräsent und die breite Wahrnehmung wird von diesen Strukturen dominiert. Nisi venale non percipitur. Nur was sich verkäuflich-appetitlich präsentiert - eine Ware ist -, wird wahrgenommen. Das setzt Barbara auch existentiell um in der Subversivmesse, ohne dass viele Leute die Ironie dieses Verfahrens kapieren, ebensowenig wie den durchaus ernsthaften Inhalt. Die Fragen die sich da aufdrängen sind Legion: Was hat der Markt als Kommunikationsform für Vorteile, wie strukturiert er Kommunikation, was blendet er aus, was kommt zu kurz? Warum diese Überaffirmation und was erwarten sich die Macher davon?

Franz Schandl ("Markt oder Leben?") sollte diesen aufgelegten Fussball natürlich weiterspielen, er ist aufgefordert, eine Dekonstruktion des Scheinhaften des Marktes zu liefern. Was der Markt als wertvoll erachtet und was als wertlos, steht bei genauerer Betrachtung und genauer Reflexion allzuoft in eindeutigem Gegensatz zu dem, was einem der Verstand oder das Gefühl sagt. Die "Streifzüge", die von Franz Schandl mitherausgegebene Theoriezeitschrift, verkaufen sich als "wertlose" Zeitschrift und meinen damit natürlich auch den Gegensatz von Qualität (die mehr ist als "Gebrauchswert", weil es gerade um den Beziehungsreichtum einer Sache geht) und ökonomischem Wert. Die zunehmende Marktförmigkeit unserer Gesellschaft ist deswegen auch eine zivilisatorische Großkatastrophe, deren Facetten der Referent wie kaum ein anderer zu beschreiben vermag. Auch hier wie überall ist der Übergang fällig. Und wie lebt man von und mit der Kritik des Marktes - und welche Wege wählt man, ihr zum Durchbruch zu verhelfen?

Eine Publikation der Fraunhofer Gesellschaft trägt den Titel "Kommunikation statt Markt" - und mit diesem Subtext erfolgt auch der Übergang in den 3.Block.

Barbara Waschmann als "Prinzipalin" des Dokumentarfilmfestivals "Normale" ist eine vielfach aktive und doch weitgehend unbekannte Promotorin einer Kommunikation, die gesellschaftliche Akteure in ein viel unmittelbareres Vehältnis zueinander setzt als der Markt. Sie arbeitet mit verschiedenen Zielgruppen und veranstaltet unter anderem die "Filmtage Globales Lernen". Das Medium der visuellen Kommunikation, so ihre These, ist nicht nur eines, das von den herrschenden Medienindustrien manipulativ eingesetzt wird, es erlaubt auf der anderen Seite den mannigfaltigen Ausdruck von Bedürfnissen, Problemen, Visionen, es ist der Versuch einer universellen menschlichen Sprache und Grammatik, die unseren Erfahrungsraum erweitert. "Dank der 'camcorder revolution' richten Filmschaffende und Medien-AktivistInnen weltweit 'die Kamera drauf': auf die Realität – das „Normale“. Halten Einzelpersonen und Gemeinschaften nun die Produktionsmittel in eigenen Händen, sind sie in der Lage, über die Realitäten ihres Lebens in einer Art und Weise zu reflektieren, die sich deutlich von der Wahrnehmung eines/r Außenstehenden unterscheidet." "Durch das bewegte Bild stellt man fest, dass die eigene unsichere Lebenssituation nicht nur einen selbst betrifft, sondern als 'Phänomen' ganzer Gesellschaften auftritt." Das digitale Medium schafft neue Kanäle der Kommunikation, und gerade in Österreich existieren viele Kanäle die sich eigentlich leicht zusammenschalten lassen müssten.

Ich komme an diesem Punkt als Referent ins Spiel und lasse Revue passieren, wie das digitale Medium nicht nur unsere Weltwahrnehmung, Reflexion und Kommunikation entscheidend verändert hat, sondern auch welche fundamentalen Reichtumspotentiale über die ikonische und symbolische Ebene hinaus das Prinzip "Kommunikation statt Markt" enthält. Intelligenz wird durch die Einbettung ihrer Mitteilungen in die digitale Matrix produktiv. Hier geht es um vier synergetisch verbundene Stränge der Neuorganisation von Information. Allgemeine Modellierbarkeit, Ubiquität der Teilhabe, Verfügbarkeit der Kontexte und Automation. Diese Reichtumspotentiale, die alte Menschheitsträume wahr werden ließen, werden nicht nur weitgehend von der Ökonomie als Wissenschaft ignoriert, sondern müssen im Interesse einer weiteren marktförmigen Funktionalisierung der Informations- und Kommunikationsmedien sogar systematisch unterbunden und zerstört werden, mit fatalen Folgen. Das Interesse an Konkurrenz und kapitalwirtschaftlichem Wachstum ist zunehmend ident nicht nur mit einer Zerstörung von Lebengrundlagen, sondern bewirkt unter den Bedingungen der neuen Technologien die progressive Zersetzung jenes bescheidenen Wohlstandes, der dem System so lange Legitimität gab. Hinter dem Schein der Finanzkrise steckt eine andere Krise, die Krise der Verwertung. Nicht mehr Produktion ist das eigentlich Lohnende und steht im Mittelpunkt wirtschaftlichen Denkens, sondern die potentielle Unterbindung der Fähigkeit zur Produktion, ihre selektive Lizensierung. Produktion ist in Zeiten der Vollautomatisierung nämlich weniger lukrativ als der Handel mit ihrer Erlaubnis. Und dieser Handel muss der Kultur der Arbeit ständig zentrale Mittel entziehen (Amputation), um sie dann zurückzuverkaufen (Prothesenverkauf). Demgegenüber entstehen spontane Keimformen sinnlich-vernünftigen Produzierens, die im Wahrnehmungsfeld der politisch-ökonomischen Ordnung als Störungen erscheinen und dennoch schon unverzichtbarer Bestandteil gesellschaftlicher Prozesse sind. Ohne Communities kein Marketing. Wikipedia, Linux etc. - benutzergetriebene Produktion breitet sich durch die neuen Vernetzungspotentiale explosionsartig aus, ohne noch wirklich zum Prinzip der Wirtschaft werden zu können. Noch nicht.

Der Übergang in den 4. Block widmet sich der Frage, wieso der Wissenschaftsbetrieb offensichtlich nicht in der Lage ist, mit den Anforderungen an die Reflexion der gesellschaftlichen Problemlagen Schritt zu halten.

Alfred Strigl ist sowohl Organisator von Gegenöffentlichkeit im European Sustainable Development als auch jemand, der versucht hat neue Formen wissenschaftlicher Qualifikation zu reklamieren. Eine "mode 2" Habilitation an der Universität für Bodenkultur wurde ihm versagt. Von ihm erhoffe ich mir die Beantwortung von Fragen hinsichtlich der Organisationsweise von Wissenschaft. Der auf der strikten Trennung von Theorie und Praxis aufgebaute Apparat hat sich bewährt, als es galt Grundlagenwissen über natürliche Prozesse zu systematisieren und für die industrielle Prodution nutzbar zu machen; er versagt angesichts der Verfeinerung von Problematiken, der komplexen Interaktion menschlicher Eingriffe in Natur und der Zunahme systemischer Krisen. Alfred Strigl schlägt das transdisziplinäre Denken und Handeln in Netzwerken sowie die zeitlich befristete, gleichwohl konsequente Beteiligung von Problembetroffenen als Strategie vor, um ein auf Wissen begründetes Handeln in die Gesellschaft zu tragen.

Christian Christiansen hält dagegen, dass aus einer gewissen Perspektive nicht der mangelnde Bezug auf Praxis das Dilemma der Wissenschaft ausmacht, sondern die Unterwerfung unter eine falsche, aus der erst die Trennung dieser zwei Bereiche überhaupt verstehbar ist. Versuche zu "vermitteln" gibt es genug, aber eigentümlicherweise münden sie alle in Anstandsregeln fürs Denken, die mit dessen originärer Leistung nichts zu tun haben. Aus dem Bereich der Geistes- und Gesellschaftswissenschaft kommend und durch deren Zustand zu rücksichtsloser Kritik veranlasst, moniert er Praxis und Metatheorie des Wissenschaftspluralismus. Eigentlich müsste sich aus der - wenn sie denn schon da ist - Trennung von Theorie und Praxis ergeben, dass Wissenschaft systematisch Rechenschaft ablegt über eine gesellschaftliche Praxis, über die sie nicht bestimmt, die nicht bloß Schaden und Nutzen sehr eindeutig verteilt, sondern auch mit Händen greifbare Möglichkeiten rationeller Gestaltung unserer Lebenswelt nicht zu realisieren vermag. Doch davon ist Wissenschaft in ihrem Denken und in ihrer Methodik weit entfernt, weil ihr ausgerechnet so ein Vorgehen "unpraktisch" und "unverantwortlich" vorkommt. Sie pflegt viel lieber ein prinzipiell instrumentelles Denken, dem die gesellschaftlichen Verhältnisse als unhinterfragt notwendige und prinzipiell als nützlich zu betrachtende regelhaft vorgeschrieben werden. Wie das zusammengeht und wie sich das in den bekannten Disziplinen der Geisteswissenschaft entfaltet, wieso deren Denken zirkulär und deren Empfehlungen immer unpraktisch sind, davon erhoffe ich mir Aufschluss von Christian. Seine persönliche Konsequenz, den Kopf frei zu halten vom akademischen Betrieb, wird er sicher am Rande erwähnen.

Damit ist der erste Tag zu Ende und wir können uns zu unserem Empfang begeben, von dem ich mir erhoffe dass er zu intensivem Networking genutzt wird.


Elisabeth Mayerhofer eröffnet den nächsten Tag und den fünften Block mit einer Kritik des Unbegriffes der "creative industries" bzw. "cultural industries" und knüpft vielleicht auch an meiner Fragestellung nach der qualitativ neuen Natur geistiger Arbeit vom Vortag an. Einem Denken, das geprägt ist von der alten Weise des Produzierens und von marktförmigen Dogmen kann auch nur das wirklich qualitativ Neue an geistiger und materieller Produktion nur als eine Abart des Alten erscheinen - eben als "industry", als Produktion von Kulturwaren die ihren Preis haben und am Markt verkauft werden. Handelt es sich hier um einen Versuch, einer schlichten "copyright industry" ein beschönigendes Mäntelchen umzuhängen? Ein wenig Aufklärung über Geschichte und Spielarten dieses coolen britischen Konzepts, dem hiezulande nahezu jeder Kulturpolitiker verfallen ist, ist fällig - inklusive der Frage, was es mit dem alten Künstlermythos gemeinsam hat. Die Debatte, welche neuen Mechanismen der Einschließung und Ausgrenzung die Politik hier eigentlich gesetzt hat, führt zu Fragen wie: Was bringen "Kulturelle Cluster" eigentlich hervor außer Selbstbezüglichkeit, touristischer Folklore und stadtplanerischer Instrumentalisierung in Richtung Gentrification? Oder gibt es doch Ansätze und Keimformen zur Verdichtung selbstorganisierter Produktion? Was macht hier den feinen Unterschied aus?

Karl Reitter (Mitherausgeber der Zeitschrift grundrisse, langjähriger Lektor an der Universität Wien) führt den Widerspruch weiter aus, dass in der Ideologie einerseits freies Schaffen und andererseits das Produzieren verkäuflicher Ware im offiziellen Diskurs fröhlich und unvermittelt in eins fallen sollen. Wie sieht dagegen die Wirklichkeit der Arbeitsprozesse und Arbeitsbeziehungen heute aus? Warum wird eisern am Zwang, mit (Lohn-) Arbeit Geld verdienen zu müssen, festgehalten, obwohl der in der Realität immer weniger einlösbar ist? Und was wäre die Konsequenz aus der Feststellung "Der Anteil des Individuums am Zustandekommen des gesellschaftlichen Zusammenhangs, des gesellschaftlichen Reichtums, ist nicht herausrechenbar"? Warum werden mit Händen zu greifende Notwendigkeiten einer Erneuerung der sozialen Sicherung angesichts der Prekarität herrschender Lohnarbeitsverhältnisse nicht umgesetzt - obwohl niemand den Grundgedanken der sozialen Sicherung aufgeben und Menschen einfach aussteuern will?

Vielleicht ist das deswegen so, weil das bestehende staatliche System der politischen und ökonomischen Regulation aus sich heraus eben nur zur gewaltsamen Regelung von Interessenskonflikten, aber nicht zu einer sinnlich vernünftigen Organisation von gesellschaftlicher Produktion imstande ist. Demgegenüber, auch im Licht der neuen Diskussionen über den Partnerstaat, wäre nach den Konstitutionsbedingungen selbstorganisierter Zivilgesellschaft zu fragen, die nicht bloß eine moralische Notgemeinschaft zur Reparatur von Schäden, sondern ein tragendes Prinzip menschlicher Lebensgestaltung ist. Das ist der sechste Block.

Nicole Lieger beschäftigt sich in ihren Arbeiten einerseits mit Logiken des nichtmonetären Organisierens von Produktion, andererseits mit Wegen, überhaupt aus einer individualisierten, monadischen Subjektivität dorthin zu kommen, solche Fragen stellen zu können. "Politik der Anziehung" ist die Forderung, jenseits von moralischer Manipulation jeder Provenienz und Bussi-Bussi-Seligkeit die positive Potenz von Gesellschaftlichkeit sinnlich erfahrbar zu machen - etwas, das sich heutzutage eher als spirituelle Sehnsucht ausdrückt. "Die klassische Herangehensweise an politisches Arbeiten läuft immer wieder an einen toten Punkt. Viele Menschen können Katastrophenmeldungen und politisches Gezänk nicht mehr hören und wenden sich ab. Andere stürzen sich ins Getümmel und engagieren sich in politischen Parteien oder in NGOs, in denen die vorherrschenden Emotionen Wut und Empörung sind und die vorherrschende Metapher für Handeln der Kampf ... Dennoch sitzen auch viele dieser Menschen am Mittwoch Abend im buddhistischen Zentrum, wo Achtsamkeit, Nicht-Dualität und liebevolle Güte die wesentlichen Werte darstellen. Sie leben derzeit wie in zwei Welten: einer kämpferischen Welt politischen Engagements und einer liebevollen Welt spiritueller Verbundenheit. Ein Zugang, der beide Welten verbindet und liebevolle Achtsamkeit mit politischer Veränderung zusammenführt, wäre hier eine hoch willkommene Erlösung aus einem ständigen Spagat."

Georg Pleger stellt dagegen konkret die Frage nach Instrumenten zivilgesellschaftlicher Organisation. Er beschäftigt sich mit alternativen Geldsystemen ebenso wie mit neuen Organisationsweisen von geistigem Gemeineigentum, vermag uns also sicher einen Überblick über all das zu geben, was an Potentialen "solidarischer Ökonomie" Keimformen einer "freien Assoziation der Produzenten" zu tragen vermag.

Sind wir damit schon am Ende? Ganz sicher nicht, denn über eine vernünftige Organisation von Gesellschaft zu reden schließt eine Reflexion über das Verhältnis zu ihrem Gegenpart, der Natur, zwingend mit ein. Natur ist zugleich Gegenstand der Verdrängung und Chiffre der allgemeinen Rechtfertigung. Als ich mit Peter eine unerwartete Begegnung hatte, die uns viel Zeit zum Reden und letztlich den Entschluss zu diesem Event gab, hat sich unsere Diskussion und letztliche Verständigung genau an diesem Punkt entzündet. Der zentrale Impuls von Kritik und menschlicher und gesellschaftlicher Entwicklung ist die Emanzipation von Naturschranken, davon dass uns Natur ihre Gesetze aufzwingt. Der Umkehrschluss, es gäbe ein Leben jenseits der Natur, in reiner Künstlichkeit und Virtualität, kann aber fatal im wahrsten Sinn des Wortes enden. Gefragt ist ein feiner Sinn für die Alternativen, die uns die Natur bietet. Deswegen habe ich an das Ende unserer Konferenz den (siebenten) Block Utopie gesetzt, und möchte das als Meisterschaft und Könnerschaft im Aufspüren realer Möglichkeiten im Verhältnis zwischen menschlicher Freiheit und Naturgesetzen verstanden wissen.

Silke Rosenbüchler beschäftigt sich literarisch mit Visionen und Utopien, und hier im speziellen mit Fragen der Wahrnehmung und Gestaltung von Landschaft. Sie schreibt "nicht nur über die erträumten neuen Gärten Eden, sondern auch über die gefürchteten Höllen, in die der Mensch die Erde verwandeln könnte. Wir müssen uns auch bewußt machen, welche Entwicklungen wir zu verhindern haben." Von ihr erwarte ich mir eine Rehabilitation utopischen Denkens gegen die Schizophrenie des Zeitgeistes: "Unsere Köpfe werden also systematisch mit Weltuntergangsszenarien gefüttert, gleichzeitig wird von uns in diversen persönlichkeitsbildenden Seminaren, die wir besuchen müssen, um Karriere zu machen, verlangt, dass wir uns unsere persönliche Utopie zurechtschustern, um den von der Gesellschaft erwarteten und geforderten Erfolg zu erzielen."

Ronald Wytek ist nicht primär Theoretiker, sondern Praktiker der konkreten Utopie im Umgang mit Natur. Schon in seiner Zeit als Herausgeber der Zeitschrift "Regenwurm" hat er aufzuzeigen versucht, dass die Natur ein faszinierendes Repertoire an Möglichkeiten bietet, wenn man sie versteht und richtig zusammenzusetzen imstande ist. Die Kunst des Permakultur-Designs besteht gerade darin, die Natur ihres einschränkenden und beschränkten Charakters zu entkleiden, ohne sie zu vergewaltigen oder zu zerstören. In Abwandlung des Konferenztitels könnte man sagen, sie umgibt uns mit einem Netzwerk unsichtbarer Intelligenz, wenn wir mit ihr und nicht gegen sie denken. Der Ansatz des "Keimblatt"-Ökodorfes, das Ronny mit Energie und Beharrlichkeit in die Realität bringt, steht paradigmatisch für die Möglichkeit und Notwendigkeit von Zukunftslaboratorien.

Das also war der Durchgang, und ich hoffe dass die Folgerung auch klar ist, dass die Konferenz am schönsten wird, wenn jede/r bei sich bleibt und sich in sein/ihr Thema hinein entfaltet - also gerade dadurch dass wahrgenommen wird, an wievielen Facetten des Themas wir gleichzeitig arbeiten.

Ich hoffe dass wir einen schönen Rahmen finden, der auch dem Publikum eine intensive Mitarbeit erlaubt, und dass wir vielleicht auch ein wenig Nahrung für die restlichen Sinne (musikalisch oder sonstwie) anbieten können. Ich hoffe auch, dass wir damit ein Muster schaffen, das nachhaltig weiterwirkt.

zurück

(C) Die Autoren changed: 7. Februar 2018