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Notizbuch Der Klausur

 

Notizbuch der Klausur

begonnen am 12.8.2019 nach dem zweiten Info Wochenende am Kloster Natursinne

Maintainance FranzNahrada
Mitarbeit

Die drei evangelischen Räte und ihre Transformation

https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelische_Räte

"Seit dem 12. Jahrhundert traten eine Trias von Räten als Rechtsinhalt von Ordensgelübden hervor.[1] Insbesondere Menschen, die sich für ein gottgeweihtes Leben entscheiden (Ordensmänner und -frauen, Eremiten, geweihte Jungfrauen, Mitglieder der Säkularinstitute), verpflichten sich seitdem zu einem Leben nach den evangelischen Räten:

  • Keuschheit, Jungfräulichkeit oder Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen: Der Rat zu einem Leben in Jungfräulichkeit bzw. eheloser Keuschheit wird aus Mt 19,12 EU abgeleitet. Manche geistliche Gemeinschaften nehmen auch verheiratete Mitglieder auf.
  • Armut: Mt 19,21 EU warnt vor einer Überbewertung und einer zu starken Bindung an irdische Güter und verlangt einen einfachen Lebensstil. In den Bettelorden spielt das Gelübde der Armut per definitionem eine besondere Rolle.
  • Gehorsam: In Anlehnung an Mt 20,26 EU kann der Gehorsam als Bereitschaft zur Einordnung in eine Gemeinschaft oder zum Gehorsam gegenüber einem Oberen verstanden werden. In den Orden findet dies seinen Ausdruck im Gehorsamsversprechen bei der Profess vor dem Abt oder Prior; allein lebende Personen des geweihten Lebens sind dagegen in der Regel dem Bischof der jeweiligen Diözese direkt unterstellt.
Die drei evangelischen Räte werden zuweilen auch als franziskanische Tugenden bezeichnet. Das geht auf eine Legende des heiligen Franz von Assisi zurück, der auf einem Weg nach Siena drei Frauen begegnete, allegorischen Verkörperungen von Armut, Keuschheit und Gehorsam.

Was aber, wenn wir mit diesen drei evangelischen Räten nicht mehr auskommen? Wenn sie uns nichts mehr sagen, wenn wir ihren millionenfachen Mißbrauch spüren?

Vielleicht ist das ein guter Einstieg in das Thema "Klöster für unsere Zeit" oder "Klöster der Zukunft".

Keuschheit

Armut

Gehorsam

Diskussion

1. Wenn es in der Geschichte so etwas gibt wie einen Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit; wenn die kategorische Aufforderungen der Aufklärung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und alle Dinge vor die Richtschnur des Gewissens zu bringen einen Sinn machen - dann dürfen zeitgemäße Klöster und Klöster der Zukunft nicht nur brechen mit der Regel des blinden Gehorsams, sie müssen es sogar, denn sie sind die Experimentalorte der Zukunft, die Laboratorien wahrhaft menschlicher und bewusster Beziehung.

2.Gehorsam ist Fremdbestimmung, und diese soll nicht sein. Das alte monastische Ideal ist ja auch darin verwurzelt, der Fremdbestimmung in der Welt zu entfliehen und zum wahren, an das Göttliche angedockten Selbst zu finden. Insoferne sind die Klöster ja seit jeher die Fluchträume der Ungehorsamen, Unangepassten gewesen. Doch wurde dieses Selbst wieder an eine hierarchische Struktur delegiert, wurden die Klöster von den Obrigkeiten rekolonialisiert, und das hat sich auch an ihrer inneren Struktur, bis ins Allerpersönlichste niedergeschlagen.

3. Die Persona war dort nicht mehr der zu entwickelnde Raum in dem, wie es etymologisch so schön heißt, das Göttliche voll und ganz wiederhallen kann, sie wurde allzu oft als das Auszulöschende beschrieben, als das was es zu töten gelte um im Göttlichen auzugehen. Zugleich hat noch jede Religion, die das Muster der Klöster pflegte und entwickelte, Räume geschaffen für die Ausbildung von Talenten, die Vertiefung in Werken, und, um es besonders symbolisch zuzuspitzen, den Gebrauch der eigenen Stimme.

4. Die Klöster der neuen Zeit nehmen diese Möglichkeit wahr: der Fremdbestimmung in einer Welt der scheinbaren Freiheit, in der wir Sklaven des Marktes und des Geldes geworden sind, Konsumtrottel und Hochleistungsperformer, vereinsamte Monaden noch im betriebsamsten Spektakel, setzen sie einen Ort der gezielten Weiterentwicklung unserer Selbstbestimmung entgegen.

5. Du musst etwas Heiliges schon in Dir tragen, eine Ahnung davon haben und es entfalten wollen, wenn Du zu uns kommst. Wenn Du nur auf Defiziten bestündest, wäre Deine Teilnahme an unserer Gemeinschaft sinnlos. Wir befragen Dich, was in Deiner Selbstreflexion das Höchste und Beste sein könnte, das in Dir schlummert und sich weiter entfalten kann. Das heißt auch: was trägst Du in Dir, das diese Welt bereichern kann? Und dann erinnern wir Dich beständig daran, spiegeln Dir zurück, ob Du einer oder eine geworden bist, die offensichtlich der Stimme ihres Herzens folgt. In diesem einen Sinne kann und soll es bei uns Gehorsam geben: Dir selbst gegenüber und dem, worin Du Quelle bist. Du bist Quelle in einer Gemeinschaft von Quellen. Das Werk, die Schöpfung, dieses wunderbare Geschenk für das wir eine große Dankbarkeit im Herzen tragen, wird tagtäglich durch jeden von uns bereichert.

6. Vielleicht können wir wie folgt zusammenfassen:

"Statt einem Abt oder Guru Gehorsam zu versprechen, versprechen wir den Gehorsam dem eigenen Herzen gegenüber und dem was wir an höchsten Möglichkeiten in uns tragen. Wenn wir das Kloster aufsuchen, übernehmen wir neben den bekannten materiellen auch eine spirituelle Verpflichtung: Wir übernehmen die Verpflichtung, unsere eigene höchste Möglichkeit zu ergründen und zu artikulieren, klar auszudrücken und zu teilen. Wir dürfen einander wechselseitig immer mal wieder daran erinnern und halten es durchaus für möglich, dass sich das, dem wir gehorsam sind, selbst weiterentwickelt und verändert. Durch unser vielen Möglichkeiten ergibt sich ein Ganzes, das wir staunend ergründen und jeden Tag neu erfahren dürfen."

(C) Die Autoren changed: 18. August 2019